Bernhard Neuhoff, BR Klassik

« Schlappseilgeigen », « Müsli-Barock », « Bio-Gamben »: Als die sogenannte Originalklangbewegung in den 70er und 80er Jahren die Klassikszene revolutionierte, traf sie auf viel Spott und noch mehr Empörung. Weshalb um Himmels willen sollte man auch auf kratzigen Darmsaiten spielen, wenn doch Saiten aus Metall oder Kunststoff viel leichter ansprechen und sich längst nicht so leicht verstimmen?
Gegen diese Skepsis setzten die Alte-Musik-Enthusiasten die aufregende Entdeckung einer vergessenen Klangwelt. Ja, Darmsaiten klingen rauer, aber auch besonders erdig, farbig, warm. In der Barockmusik sind sie längst Standard. Und wenn sich heute doch mal ein konventionelles Symphonieorchester an Bach oder Händel herantraut, dann lädt man natürlich einen Originalklang-Dirigenten als Gast ein. Selbst bei Kernrepertoire wie den Beethoven-Symphonien setzen die Ideen der sogenannten historisch informierten Aufführungspraxis den Trend. Ist also « ganz Gallien » erobert? Nein!
Widerstand leistet noch immer die ehrwürdige Gattung Streichquartett. Der wenig schmeichelhafte Grund: Bis auf sehr wenige Ausnahmen (wie das Quatuor Mosaiques oder das Chiaroscuro Quartett) waren die meisten Originalklang-Streichquartette technisch und musikalisch schlicht nicht konkurrenzfähig. Und so ist die neue CD des aus Belgien stammenden Edding-Quartetts eine kleine Sensation.

Die vier Streicher, die aus dem Umkreis des Originalklang-Pioniers Philippe Herreweghe kommen, haben erstmals Beethovens spätes B-Dur-Quartett op. 130 mit der berüchtigten « Großen Fuge » auf historischen Instrumenten eingespielt. Dass sie damit bei einem zentralen Werk von Beethoven im Jahr 2016 die ersten sind, ist wirklich erstaunlich. Viel wichtiger als das bloße Erster-Sein ist aber die Qualität dieser Einspielung. Und die weckt sogleich Lust auf mehr.
Das Edding-Quartett spielt nicht nur technisch auf höchstem Niveau, sondern findet auch musikalisch zu einer klaren, überzeugenden Haltung. Beethovens späte Quartette gelten als schwer zu erklimmende Gipfelwerke, werden gern auch ein wenig mystifiziert. Tatsächlich ist Beethoven mit dieser maximal eigenwilligen Musik weit in Moderne vorgestoßen. Brüche und unvermittelte Kontraste prägen das Bild, wie im experimentellen Film wird hart geschnitten.
Das Edding-Quartett spielt die Kontraste voll aus, nutzt dabei die reichen Klangfarben der Darmsaiten, die eben nicht nur scharf konturierte, sondern auch weiche und warme Klänge ermöglichen. Ein gerader Klang mit wenig Vibrato ist typisch für die historische Aufführungspraxis. Leider auch einige Manierismen, etwa die notorischen Bäuche auf längeren Tönen. Auf diese Marotten verzichtet das Edding-Quartett konsequent. Schnörkellos und sehr genau an Beethovens ausgefeilter Dynamik orientiert spielen sie, dabei stets beseelt und mit großer Sensibilität.
Auch von der irrwitzig zerklüfteten und schroffen « Großen Fuge », dem monumentalen Finale des späten B-Dur-Quartetts, lassen sich die Eddings nicht auf Abwege locken: Beethovens wohl radikalste Musik spielen sie mit größter Leidenschaft – bleiben aber immer ihrer Linie treu: Je wilder die Musik ist, desto klarer muss der Interpret wissen, was er sagen will.
Reizvoller Kontrast zu dem späten Streichquartett ist das frühe Bläserquintett op. 16, ein Jugendwerk, das Beethoven genau 30 Jahre zuvor komponierte. Die Bläser des Ensembles Northernlight kommen wie die Streicher des Edding Quartetts aus dem von Philippe Herreweghe gegründeten Orchestre des Champs Elysées. Klar, dass auch sie auf historischen Instrumenten spielen. Wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet bei Beethoven so viel neu zu entdecken gibt. Die Originalklang-Szene hält immer noch höchst angenehme Überraschungen bereit.